Die Markthändler im Interview – Stirbt der Haselnusshof den leisen Tod?

Einleitung: Ein Veedel kämpft um sein Herzstück

Heimersdorf steht am Scheideweg. Während das Ladensterben rund um den Haselnusshof bereits deutliche Lücken hinterlassen hat, kämpft nun auch unser Wochenmarkt ums Überleben. Wo früher reges Treiben und eine bunte Vielfalt herrschten, ist es heute spürbar leerer geworden. Doch wer sind die Menschen, die trotz Wind, Wetter und wirtschaftlichem Druck jeden Samstag die Stellung halten?

Um ein ungeschöntes Bild der aktuellen Lage zu erhalten, hat der Bürgerverein Heimersdorf & Seeberg-Süd e.V. das direkte Gespräch gesucht. Wir wollten wissen: Wie tief sitzen die Sorgen durch Inflation und Krieg wirklich? Und was muss passieren, damit unser Markt eine Zukunft hat?

In unserer Interview-Reihe kommen die drei verbliebenen Säulen des Samstagsmarktes zu Wort:

  • Vanessa Heller vom Obst- und Gemüsehändler „Maik Niewar“
  • Richard Romes & Waltraud Wagner von der Landfleischerei Romes
  • Mohabat Ahmadzai von seinem Blumenstand

Lesen Sie hier ihre persönlichen Statements, ihre Sorgen und ihren leidenschaftlichen Appell an die Politik und die Bürgerschaft.

Vanessa Heller (rechts) vom Obst- Gemüse & Eier Handel "Maik Niewar"

Block 1: Identität und Herkunft

Frage 1: Wer sind Sie, was bieten Sie an und seit wie vielen Jahren gehören Sie zum Heimersdorfer Wochenmarkt?

Vanessa Heller: Wir sind vom Stand „Obst, Gemüse & Eier Handel Maik Niewar“. Tatsächlich sind wir jetzt seit zwei Jahren auf dem Haselnusshof in Heimersdorf vertreten. Ich führe den Stand zusammen mit meinem Partner, der samstags normalerweise in Bickendorf steht. Wir kommen aus Drolshagen im Sauerland und bieten Obst, Gemüse & Eier an.

Richard Romes: Wir sind die Landfleischerei Romes aus Bergscheid in der Eifel und bereits seit 17 Jahren hier auf dem Markt in Heimersdorf vertreten. Wir bieten Wurst und Fleisch aus eigener Herstellung und eigener Schlachtung an. Auch unsere Eier kommen aus der Eifel von kleinen Beständen ohne industrielle Massenaufzucht.

Mohabat Ahmadzai: Ich komme ursprünglich aus Afghanistan und bin seit 2012 in Deutschland. Im Jahr 2016 habe ich angefangen, mit Blumen zu arbeiten, und seit dieser Zeit bin ich auch hier auf dem Markt in Heimersdorf vertreten.

Frage 2: Woher beziehen Sie Ihre Ware und was macht Ihr Angebot im Vergleich zum Discounter so besonders?

Vanessa Heller: Wir sind auf jeden Fall sehr regional unterwegs. Unsere Äpfel beziehen wir beispielsweise schon seit einigen Jahren direkt aus Meckenheim. Das meiste unserer Ware kommt aus Hürth. Natürlich führen wir auch Südfrüchte, die nicht aus der Region stammen, aber das ist ein ausdrücklicher Wunsch unserer Kunden hier. Ansonsten versuchen wir, alles so lokal wie möglich anzubieten.

Richard Romes: Der entscheidende Unterschied ist die Herkunft: Jeder Betrieb, von dem unser Fleisch stammt, ist kein Mastbetrieb. Durch die eigene Schlachtung garantieren wir eine Qualität, die man im Discounter so nicht findet.

Mohabat Ahmadzai: Ich beziehe meine Blumen direkt vom Großmarkt in Köln. Dort kann ich mir alles persönlich aussuchen und habe gute Kontakte. Das ist ein großer Unterschied zu Ware aus Amsterdam, die man nicht selbst prüfen kann. Von der Qualität her bieten wir das Beste an. Zudem mache ich samstags oft „Super-Angebote“, damit die Menschen frische Pflanzen direkt für ihr Zuhause oder zum Einpflanzen mitnehmen können.

Waltraud Wagner und Richard Romes von der "Landfleischerei Romes"

Block 2: Aktuelle Lage und Belastung

Frage 3: Wie hat sich die Atmosphäre und die Anzahl der Stände aus Ihrer Sicht in letzter Zeit verändert?

Vanessa Heller: Es ist traurig geworden. Man sieht von Woche zu Woche, dass es immer weniger wird. An einem Samstag sind wir jetzt nur noch zu dritt. Dementsprechend wächst die Angst: Wie lange überlebt man hier eigentlich noch? Wir sind froh über jeden Kunden, der noch kommt, aber man merkt deutlich, dass die Preise steigen. Wir müssen uns langsam die Frage stellen, ob es sich wirtschaftlich noch lohnt. Heimersdorf ist ein sehr „ausgestorbener“ Markt, so extrem erleben wir das woanders nicht.

Richard Romes: Die Entwicklung ist sehr negativ. Samstags ist hier kaum noch etwas los. Während mittwochs noch mehrere Stände da sind, müsste der Platz eigentlich auch samstags voll sein. Es fehlt an allem: Ein Bäcker fehlt, Fisch, Käse, Geflügel – die haben samstags alle aufgehört.

Mohabat Ahmadzai: Heimersdorf hat sich leider negativ entwickelt. Viele Geschäfte im Umfeld sind weg, wie zum Beispiel die Volksbank oder der Rossmann. Ich verstehe nicht, warum das passiert, aber wir spüren es deutlich: Es kommen weniger Kunden, der Rückgang liegt sicher bei etwa 30 %.

Frage 4: Spüren Sie bereits eine stärkere Kaufzurückhaltung der Kunden oder steigende Einkaufspreise durch den Krieg im Nahen Osten?

Vanessa Heller: Wir merken einen kompletten Rückgang. Die Einkaufspreise sind bereits gestiegen und wir versuchen, diese teilweise eins zu eins weiterzugeben. Aber es ist schwierig, dabei noch etwas zu verdienen. Wir können kaum noch eine Marge oben draufsetzen, weil die Preise sonst utopisch werden würden.

Richard Romes: Wir selbst haben die Preise bisher noch nicht erhöht, aber wir merken deutlich, dass die Leute mittlerweile viel stärker auf ihr Geld schauen als früher.

Mohabat Ahmadzai: Ja, absolut. Besonders an Tagen wie Valentinstag oder Muttertag explodieren die Preise. In diesem Jahr wurde zudem weniger angepflanzt, weshalb zum Beispiel Tulpen im Verkauf deutlich teurer werden mussten – von früher 3,99 € auf jetzt 6,00 € pro Bund. Das müssen wir leider an die Kunden weitergeben.

Florist Mohabat Ahmadzai mit junger Unterstützung in den Schulferien

Block 3: Appell und Zukunft

Frage 5: Warum wäre es für das soziale Gefüge in Heimersdorf fatal, wenn dieser Markt ganz verschwinden würde?

Vanessa Heller: Ich denke, das wäre besonders für die ältere Generation fatal. Viele von ihnen kommen sonst kaum noch raus und sind oft allein. Wenn sie samstags zu uns kommen, unterhalten wir uns viel. Wenn wir irgendwann auch nicht mehr da sind – wo sollen diese Leute dann noch hingehen?

Waltraud Wagner: Damit würde ein Stück Traditionsbewusstsein verloren gehen. Den Markt gibt es schon ewig und gerade für die älteren Leute hier im Viertel ist er ein wichtiger und schöner Fixpunkt im Alltag.

Mohabat Ahmadzai: Das wäre sehr, sehr schade. Ich kenne hier inzwischen so viele Leute. Wenn ich hierher komme, bin ich zufrieden. Es geht nicht nur ums Verkaufen; es geht darum, rauszukommen, Menschen kennenzulernen und gute Gespräche zu führen. Das ist wichtig für die Seele – sowohl für uns Händler als auch für die Bürger, die gerne zu uns kommen, um zu reden.

Frage 6: Was ist Ihre konkrete Forderung an die Bezirksvertretung und die Stadt Köln, um das Marktplatzsterben zu stoppen?

(Anmerkung: Vanessa Heller empfand die Beantwortung dieser komplexen politischen Frage im Moment als schwierig.)

Richard Romes: Die Spritpreise sind eine Unverschämtheit und belasten uns massiv. Wir zahlen Standgebühren, haben aber gleichzeitig explodierende Kosten. Wir fahren jedes Mal rund 100 Kilometer aus der Eifel hierher. Die Dieselpreise haben sich fast verdoppelt, unsere Einnahmen aber natürlich nicht. Hier müsste die Politik ansetzen.

Mohabat Ahmadzai: Ich bin skeptisch gegenüber der Politik. Die Politiker kommen meistens nur dann vorbei und fragen „Wie geht’s?“, wenn gerade Wahlen anstehen oder sie etwas von uns brauchen. Ansonsten spüren wir wenig Unterstützung.

Frage 7: Warum ist der Wochenmarkt wichtig für Heimersdorf und warum sollten die Menschen hier einkaufen?

Vanessa Heller: Zum einen bieten wir wirklich frische Ware an, die auch zu Hause noch einige Tage hält. Zum anderen ist es das Zwischenmenschliche: Man redet hier noch miteinander. Es ist nicht nur ein anonymer Prozess wie an einer Supermarktkasse. Hier bei uns auf dem Markt ist es noch menschlich.

Waltraud Wagner: Der Markt ist ein Treffpunkt. Für Menschen, die kein Auto mehr haben oder nicht mehr gut Bahn fahren können, ist das hier die Gelegenheit, mal zu „quasseln“ und danach vielleicht noch ins Café zu gehen. Ohne den Markt fehlt der Anlass, überhaupt vor die Tür zu kommen und sich zu unterhalten.

Mohabat Ahmadzai: Die Blumen vom Discounter sind Massenware mit kleinen Köpfen und dünnen Stielen. Das kann man mit unserer Fachmarkt-Qualität nicht vergleichen. Im Supermarkt kann man Essen kaufen, aber Blumen sollte man dort kaufen, wo die Qualität Priorität hat: im Fachhandel oder eben hier auf dem Markt. Es ist eine Entscheidung für den Erhalt unseres Handwerks.


Dieses Stimmungsbild wurde eingefangen von Adem Essiz (Bürgerverein Heimersdorf & Seeberg-Süd e.V.).

Unsere Forderung an die Politik: Die Gespräche mit Frau Heller, Herrn Romes und Herrn Ahmadzai zeigen deutlich: Die Belastungsgrenze ist erreicht. Wenn wir den Haselnusshof als Treffpunkt erhalten wollen, braucht es jetzt Taten statt Wahlkampfbesuche. Wir fordern eine spürbare finanzielle Entlastung der Händler – insbesondere durch eine Reduzierung der Standgebühren und Unterstützung bei den Logistikkosten. Heimersdorf darf nicht noch leiser werden!

So kannst du helfen:
1. Unterstütze die Marktleute durch deinen Einkauf!
2. Schreib uns einen Kommentar: Welche Erlebnisse verbindest du mit dem Markt? Was müsste passieren, damit du (noch) öfter dort einkaufst?
3. Teile diesen Beitrag: Hilf uns, die Politik und die Nachbarschaft wachzurütteln. Je mehr Menschen von der Situation am Haselnusshof erfahren, desto lauter wird unser Ruf nach Unterstützung für die Marktleute!

2 Kommentare on “Die Markthändler im Interview – Stirbt der Haselnusshof den leisen Tod?

  1. Warum müssen die Stände gerade in Heimersdorf Standgebühr bezahlen?
    Der Platz wird doch eh nicht genutzt.
    In Chorweiler kann ich es ja noch verstehen da fallen die Parkgebühren der Autos weg. In Heimersdorf hat die Stadt Köln keinen finanziellen Verlust.

  2. Ich gehe regelmäßig Mittwochs mit meinen Tageskindern auf den Markt und wir kaufen Obst/Gemüse, Brot, Fleisch und gerne auch mal Blumen.

    Privat wollte ich schon oft samstags gehen aber wir stehen unter der Woche immer sehr früh auf und Samstag ist unser Tag zum langen Ausschlafen und den Tag langsam angehen. Da ist leider 13 Uhr Ende für uns zu früh. Vielleicht geht es auch den jüngeren Familien so?! Eventuell könnte eine Verschiebung bis 15 Uhr mehr Kundschaft generieren.

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